Die Weinthals

In dieser Ausstellung schildern wir das Schicksal einer jüdischen ostfriesischen Familie im Nationalsozialismus. Die Familie von Elkan und Rosa Weinthal aus Dornum steht stellvertretend für all die Familien, die Opfer der Nationalsozialisten wurden. Jüdische Familien, die seit Jahrhunderten in Deutschland ansässig waren, wurden die ersten Opfer dieses Massenwahns. Auch die abgelegene Provinz Ostfriesland blieb nicht verschont. Die jüdischen Familien, die seit Generationen Ostfriesland ihre Heimat nannten, fielen diesen Verbrechern zum Opfer.Seit Anfang des 16. Jahrhunderts hatten sich in Ostfriesland jüdische Gemeinden gegründet, obwohl heute bekannt ist, dass schon vorher jüdische Kaufleute oder Händler in Ostfriesland ihre Waren anboten und die ostfriesischen Höfe gerne die Dienste der jüdischen Münzmacher und Geldverleiher in Anspruch nahmen.

Die älteste nachweisbare jüdische Gemeinde gab es in Emden, später wurden auch in den anderen ostfriesischen Städten jüdische Gemeinden gegründet. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden jüdische Handwerker und Geldverleiher auch von den Herrlichkeitsbesitzern in den kleineren Ortschaften angeworben, doch standen sie immer außerhalb des geltenden Rechtes, obwohl sie sich bemühten, mit den anderen Untertanen gleichgestellt zu werden.

Um 1900 hatte Ostfriesland 2 400 jüdische Bewohner, das waren ca. 1,2% der ostfriesischen Bevölkerung; sie verteilten sich auf elf jüdische Gemeinden und nannten zwölf Synagogen ihr Eigen.

Zu den ältesten jüdischen Familien in Ostfriesland zählte auch die Familie Weinthal, aber erst 1828 wurde sie unter dem Namen „Weinthal" geführt. Bis zu dieser Zeit war es ein ostfriesischer Brauch, dass von Generation zu Generation der Vorname des Vaters als Nachname beim Sohn weitergeführt wurde. So war die Familie Weinthal aus Esens unter dem Namen Wulff Samuels oder auch als Samuel Wulffs bekannt. Die Familie lässt sich unter diesem Namen schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Esens und Umgebung nachweisen, ab 1820 auch in dem kleinen Hafenort Wester­accumersiel, der zum Amt Esens gehörte. Die Mitglieder der Familie Weinthal waren über Generationen hinweg als Viehhändler und Schlachter tätig. Sie fühlten sich als Ostfriesen unter Ostfriesen, die sich nur durch ihre Religion von den anderen unterschieden. Ihre Muttersprache war ostfriesisch, die hebräische Sprache war ihnen fremd. Es war für die Mitglieder der Familie Weinthal auch selbstverständlich, dass sie schon seit frühester Zeit in allen Vereinen anzutreffen waren. Sie nahmen an Veranstaltungen teil und setzten sich für ihre Heimat ein. Ihre Söhne kämpften in den Kriegen für ihr Vaterland, so z.B. 1870/71 und im Ersten Weltkrieg. Die beiden Söhne von Joseph und Sophie Weinthal, Wilhelm und Elkan, wurden 1914 eingezogen. Wilhelm gehört zu den Gefallenen, und Elkan kam schwer verwundet nach Dornum zurück. Trotz Ablehnung und Antisemitismus blieben Vater und Sohn weiter als Patrioten Mitglied im Dornumer Militärverein.

Der aufkommende Nationalsozialismus nahm aber auch auf den Kriegsversehrten Elkan Weinthal keine Rücksicht.

Elkan heiratete 1920 Rosa Speier, die mit ihren Eltern 1914 von Nordhessen nach Dornum gezogen war. Das Ehepaar hatte fünf Kinder.

Die Inflationszeit und der Nationalsozialismus erschwerten es dem kriegsversehrten Viehhändler Elkan Weinthal, seine Familie zu ernähren, so dass die Familie zunehmend verarmte.

Die Nationalsozialisten verhöhnten und schikanierten diese Familie in besonderem Maße, weil die Weinthals zu den wenigen jüdischen Personen gehörten, die noch in Dornum verblieben waren.

Als dann auch noch nach der „Reichskristallnacht" die beiden Töchter Lieselotte und Karla von der Dornumer Schule verwiesen wurden und in Norden die jüdische Schule besuchen mussten, wurde die Familie noch weiter auseinandergerissen. Die anderen drei Kinder waren schon in verschiedenen Orten bei jüdischen Institutionen untergebracht.

1940 musste Elkan Weinthal wie alle anderen jüdischen Familien in Ostfriesland sein Haus verkaufen und seine seit Jahrhunderten angestammte Heimat verlassen. Was muss das für die Familie bedeutet haben, waren sie doch noch nie aus Ostfriesland herausgekommen!

Mit einem Teil seiner Familie wurde Elkan Weinthal in einem Hinterhaus in Wunstorf untergebracht, bis man die Familie 1942 über Hannover-Ahlem ins Warschauer Ghetto deportierte. Als ein letztes Lebenszeichen aus dem Warschauer Ghetto ist das Fragment einer Postkarte erhalten geblieben.

Danach verliert sich die Spur der Familie Weinthal in Treblinka.

Die jüngste Tochter Karla war zum Zeitpunkt ihrer Ermordung zwölf Jahre alt. Am 01. Juli 2010 wäre Karla 80 Jahre alt geworden.

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus hat sich in Ostfriesland kein jüdisches Leben wieder entwickeln können. Ganze Familien waren von den Nationalsozialisten ermordet worden. Die wenigen Überlebenden hatten sich ins Ausland gerettet. Vereinzelte kamen zurück, doch sie fanden ihre Heimat nicht wieder. Sie fühlten sich als Fremde in dem Land, in dem ihre Familien seit Jahrhunderten verwurzelt gewesen waren und wo die Gräber ihrer Vorfahren zu finden sind.

Sie stießen auf Unverständnis, wenn sie von ihrem Leidensweg berichteten, und niemand fühlte sich zuständig oder verantwortlich für die Verbrechen, die im Namen eines gesamten Volkes geschehen waren.

Möge diese Ausstellung als Erinnerung an ein nicht wieder gut zu machendes Verbrechen angesehen werden und der ermordeten Familie Weinthal wieder den ihr zustehenden Platz in Dornum zurückgeben.

 

Last modified on Thursday, 07 October 2010 18:37
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